Was hat eine Zimmerpflanze mit Selbstverantwortung zu tun?

Was hat eine Zimmerpflanze mit dem Mitarbeiter zu tun?

Ich habe einen sehr nette, junge Masseurin, die sich sehr viel Mühe mit meinen desolaten Rücken gibt. Sie macht sich Gedanken und hat tatsächlich jedes Mal eine neue Idee, damit meine Schmerzen verschwinden.

Als ich letztes Mal dorthin kam, fielen mir sofort die vertrockneten Blätter um eine Zimmerpflanze herum auf.

„Au, die verliert aber Blätter!“

Sie schaut mich verdutzt an, dann die  Blume und sagt, während sie sorgfältig das rote Handtuch auf die Liege legt. „ Ja, man sieht, die Chefin ist diese Woche nicht da.“

Ich sage nichts und lege mich auf die Liege.

„Aber wissen Sie, ich kann das ja nicht auch noch machen. Hier.“

Mir ging diese Episode nicht aus dem Kopf.

In dieser Praxis herrschte eine sehr kollegiale, freundliche Stimmung. Ich bekomme so etwas sofort mit, wenn ich einen Raum betrete.

Wer ist für das Kundenwohl zuständig?

Mit  Stefan Meraths Buch  „Der Weg zum erfolgreichen Unternehmer“ fallen mir sofort ein paar Gedanken dazu ein.

Warum glauben die meisten Mitarbeiter eigentlich, dass nicht sie, sondern ihre Chefs für das Kundenwohl und den Fortbestand des Unternehmens zuständig seien?

Mir ist das schon vor etwa 30 Jahren mal bei einer CAE-Schulung mit Ingenieuren aufgefallen. Da saß ein junger Ingenieur etwas lustlos neben mir in der Schulung, gab etwas desinteressiert seine Daten ein und zeigte auch sonst kaum Selbstiniative. Ich fragte ihn damals, ob er sich denn nicht für das Unternehmen verantwortlich fühle, indem er arbeitet. Ich hatte damals gerade meine erste Firma gegründet.

„Nein.“ sagte er mir, „Das ist Sache meines Chefs.“

Ich war erstaunt und fragte ihn, ob er sich denn nicht darüber klar sei, dass er seinen Job verlieren würde, wenn sein Chef nicht genügend Aufträge hätte.

Die Mitarbeiter sind auch für das Firmenwohl verantwortlich

Ich weiß nicht, ob es bei ihm ankam, aber das ist doch ein wesentlicher Punkt im Unternehmen, dass sich die Mitarbeiter für das Firmenwohl verantwortlich fühlen und sich dafür stark machen. Und die Kunden/Klienten/Patienten optimal bedienen, um sie zufriedenzustellen.

Merath sagt, wenn überhaupt Bonuszahlungen, daran sollten sie daran fest gemacht werden, wie zufrieden die Kunden sind. Und Kundenzufriedenheit wird ja heute üblicherweise abgefragt. Diese Daten liegen überall vor.

Unternehmen hinterfragen die Loyalität ihrer Mitarbeiter

Gerade wurde ein Blog von Förster & Kreuz veröffentlicht, in dem es um Bonuszahlungen geht, die Mitarbeiter nach der Probezeit angeboten bekommen, um das Unternehmen zu verlassen. Zuerst klingt das ja paradox, aber nach genauem Nachdenken machen die Unternehmen etwas sehr Kluges:

  • Sie hinterfragen damit die Loyalität ihrer Mitarbeiter.
  • Wer bleibt, verzichtet auf diese Zahlung und zeigt damit seine Bindung zum Unternehmen.

Auch meine junge Masseurin muss nicht Unternehmerin werden und das ganze unternehmerische Risiko tragen. Aber sie sollte unternehmerisch denken lernen:

  • Gefällt dem Patienten ein ungepflegtes Behandlungszimmer?
  • Fühlt er/sie sich hier optimal wohl?
  • Was kann ich dazu tun, um das Ambiente noch ansprechender zu machen?

Sicher ist sie eine gute, engagierte Mitarbeiterin, die sicher woanders eine weitere, gute Anstellung findet, wenn diese Praxis schließen müsste. Aber vielleicht müsste sie dafür umziehen oder eine halbe Stunde länger fahren.

Es ist doch nicht nur die Selbstverantwortung, die mich nach diesen Blättern bücken lässt, sondern es macht doch auch viel mehr Freude, zu wissen, dass ich ein wichtiges Rädchen im Getriebe bin, ohne das es eben nicht mehr so gut läuft.

Oder kurz gesagt: Mit dieser Mentalität nimmt man sich selbst die Lebensfreude. Denn jeder Mensch möchte etwas Sinnvolles leisten und hat dadurch eine Erfüllung und Befriedigung.

Dazu möchte ich Gephard Borcks Diskussion „Gleiches Gehalt für alle“ erwähnen. Vom Vorstand bis zur Putzfrau bekommen alle dasselbe Grundgehalt und je nach Leistung werden Boni bezahlt.

Okay, er hat auch noch kein Patentrezept, wie es ablaufen könnte, aber der Gedanke wird ja immer häufiger diskutiert und wird irgendwann einmal Realität.

Vielleicht sogar schon in naher Zukunft. Denn durch die Möglichkeit nicht mehr unbedingt an einen Ort zusammen zu arbeiten, sondern im Homeoffice vor sich hinzuwerkeln,  wird diese Art der Selbstverantwortung benötigt.

Den Bürovorsteher, der vorne im Schreibbüro den Takt angegeben hat, haben wir ja auch schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Und damals Anfang des letzten Jahrhunderts hätte sich das auch niemand vorstellen können!

Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Was tun Sie, um Ihren Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, ein sinnerfülltes (Berufs-)Leben zu führen?

Ich bin gespannt auf Ihre Antworten!

ü

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2 Comments
  • Sabine Ruthenfranz
    Posted at 10:54h, 05 Juli Antworten

    Mir fallen solche Dinge tagtäglich in Unternehmen auf. Als Kind selbständiger Eltern macht mich das fassungslos bis traurig. Einmal sah ich vor einer Boutique gegenüber meines Lieblingskaffee Cafés zwei große, unbepflanzte Blumenkübel. Darin jede Menge Müll. Beim vorbeigehen muss die Bedienung meinen Blick gesehen haben. Sie sagte so etwas wie „Schrecklich wie sich die Leute benehmen, nicht wahr? Aber ich nehme das nicht raus. Das muss der Chef machen.“ Ein paar Tage später war über die beiden Blumenkübel ernsthaft Frischhaltefolie gespannt, um weitere Müllablage zu verhindern. Was natürlich nicht geklappt hat.

    • Annette Kunow
      Posted at 13:01h, 05 Juli Antworten

      Hallo Sabine,
      mich macht das auch fassungslos.

      Zum Glück gibt es auch viele positive Beispiele.

      Danke und einen schönen Tag

      Annette

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