Malerei und Selbstführung auf den Punkt gebracht

Malerei und Selbstführung auf den Punkt gebracht

Angeregt durch das Podcast-Interview von Bernd Geropp „Jazz als Metapher für die Führung von Morgen – Interview mit Christine Paulus“, möchte ich heute die 1. Säule der Führung genauer betrachten: die Selbstführung.

Im Interview werden zu allen 3 Säulen der Führung Tipps gegeben. Frau Paulus betrachtet dabei die Führungskraft aus Sicht der Jazz-Musikerin und stellt so 13 Tipps für die heutige Führung auf.

Jazzy Tipps für Führungskräfte

13 Jazzy Tipps für Führungskräfte von Christine Paulus

  1. Training macht den Meister.
  2. Struktur und Freiraum nutzen.
  3. Improvisation und Intuition zulassen.
  4. Solieren und Begleiten schätzen.
  5. Herausfordern: sich und andere.
  6. Der Ton macht die Musik.
  7. Fehler und kreative Ideen fördern.
  8. Persönlichkeit zählt.
  9. Bühne lehrt mehr als Probenraum.
  10. Verständnis und Vision entwickeln.
  11. Die Beziehungen gestalten.
  12. Bewusst sein.
  13. Vorbilder und Begleiter finden. /Paulus/

Ausgesprochen spannend.

Im Orchester muss sich der einzelne Musiker dem gesamten Orchester unterordnen. Er/sie sollte dabei nicht aus dem Takt geraten und in etwa dasselbe Niveau wie die anderen Mitspieler haben. Das heißt, er/sie muss sich führen lassen.

Im Jazz ist das durch die mögliche, eigene Improvisation nicht so eindimensional. Die Selbstführung kommt hier in vielen Punkten zum Tragen.

Solopreneuren stehen weder Begleiter, noch Orchester, noch ein Dirigent wie dem Orchestermusiker… Klick um zu Tweeten

Solopreneure haben weder Begleiter, noch Orchester, noch Dirigent

Wie sieht aber das Ganze nun für Solopreneure aus?

Sie haben weder einen Begleiter, noch Orchester,  noch einen Dirigenten. Welchen Vergleich gibt es hier?

Um wieder in den Kunstbereich zu gehen: Das sind die Künstler, die Ihre Kunst für sich alleine gestalten: Die Malerinnen und Maler , die Autorinnen und Autoren, die Bildhauerinnen und Bildhauer, etc. Die, die im Stillen etwas schaffen, was schließlich als Ganzen erst am Ende dieses Prozessen sichtbar ist.

Was können Sie in puncto Führung von ihnen lernen?

Die 3 Säulen der Führung: Selbstführung-Führung von anderen-Sich führen lassen

3 Säulen der Führung: Selbstführung-Führung von anderen-Sich führen lassenFührung hat 3 Säulen:

  • Selbstführung
  • Führung von anderen
  • Sich führen lassen

Jede dieser Säulen wird von der Führungskraft bedient. Es ist so, als ob die Führungskraft im Berufsalltag 3 verschiedene Uniformen anzieht, wenn sie sich in diese Rollen begibt.

Selbstführung

Wer andere führen will, muss sich selbst führen können.

Das ist ein weiser Spruch, der vielen Führungsfiguren der Geschichte zugeschrieben wird.

Es heißt, die eigene Person, also sich selbst führen. Dazu muss die eigene, persönliche Kompetenz entwickelt werden.

Wie wichtig diese Selbstführungskompetenzen sind, erfahren Sie ja alle in vielen Situationen. Da lassen Sie sich durch das Aufpoppen der E-Mails ablenken oder Sie können Ihre Gefühle im Konfliktfall nicht kontrollieren.

Mir ist das das erste Mal klar geworden, als ich in den 90ziger Jahren Gründungsmitglied des Kompetenzzentrums der HS Bochum war.

Wir hatten damals zusammengetragen, was an Themen erforderlich sein könnte, um ein komplettes Programm abzubilden.

Es gibt eine große Anzahl von Selbstführungskompetenzen, aber wenige Teamkompetenzen. Klick um zu Tweeten

Für mich damals erstaunlich (ich war damals Ende 30), dass wir eine große Anzahl von Selbstführungskompetenzen, wie Rhetorik, Zeitmanagement, Konfliktmanagement, Stressbewältigung, etc., aufgelistet haben, aber sehr wenige Teamkompetenzen, wie Besprechungen leiten, etc.

Führung von anderen

Das ist die allen am bekannteste Säule der Führung. Hier geht es um Kompetenzen, die Mitarbeiter oder ein Team zu führen, bzw. anzuführen.

Führung (engl. Leadership) wird als absichtliche und zielbezogene Einflussnahme durch Inhaber von Vorgesetztenpositionen auf Unterstellte durch Kommunikationsmittel definiert.
/Rosenstil, Molt und Rüttinger, 1988/.

Zu dieser Aussage muss heute noch der Begriff „agile Führung“ hinzugefügt werde. Er sagt aus, dass ein Teammitglied heute nicht nur „von oben nach unten“ geführt wird, sondern dass es da auch ein Miteinander und ein Gegenseitig gibt..

Sich führen lassen

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Die 3. Säule war für mich besonders spannend und immer eine Herausforderung. Als ich das das erste Mal hörte, stutze ich. „Mich führen lassen?“ Darauf wäre ich gar nicht gekommen. 🙂

Aber dazu müssen Sie meine Person kennen.

Schon als Kleinkind war ich selbstständig. Zur Erleichterung meiner Eltern, die nur noch das Lebensbedrohende von mir abhalten mussten, und zugleich zur Verzweiflung meiner Eltern. Denn, wenn ich etwas nicht wollte, wollte ich es nicht.

Das ging natürlich in der Schule weiter. Als ich mit 16 das Schuljahr wegen eines Autounfalls wiederholen sollte, weil ich fast das ganze Jahr nicht am Unterricht teilnehmen konnte, überzeugte ich sowohl die Schulleitung als auch meine Eltern, dass ich das schaffen würde, und bestimmte fortan meine Teilnahme am Unterricht selbst.

Also: Mich führen zu lassen, ist für mich eine enorme Herausforderung!

Vorbilder sind wichtig für die Selbstführung. Klick um zu Tweeten

Vorbilder sind wichtig für die Selbstführung

Aber wie geht das?

Zum Glück traf ich in meinem frühen Leben einige Frauen, die mich sehr beeindruckten. Ja, ich wollte ein wenig wie diese Frauen werden. Also wurden sie zu meinen Vorbildern. Von ihnen ließ ich mich führen.

Am meisten bewunderte ich meine Großmütter.

Die eine, eine sehr stolze Frau, die noch bis zu ihren 70. Lebensjahr in der Schule unterrichtete. Natürlich war das alles kriegs- und fluchtbedingt. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass sie sich jemals beklagt hätte.

Die andere, eine bodenständige, sehr resolute Frau, die Haus und Hof zusammenhielt, Gemüse anbaute und erntete und eine große Lebensweisheit besaß.

Dann kam diese Schuldirektorin, mit der ich so manche Diskussion ausfocht und mit der ich bis zu ihrem Tod befreundet war. (Das war auch die, die mir „Ausdruck ausreichend“ in einem Aufsatz bescheinigte. Was mich sehr lange belastet hat. 🙂 Aber das ist eine andere Geschichte.)

Und schließlich die Mutter eines Freundes, Irene Sänger-Bredt, die in der Luft- und Raumfahrt als Physikerin erfolgreich bis ins hohe Alter tätig war. Die abendlichen Veranstaltungen zur Höhlenmalerei in ihrem Haus beeindruckten mich als 15 Jährige außerordentlich.

Selbstführung als Solopreneur

Wenn Sie Solopreneur sind, dann ist die 1. Säule, die Selbstführung für Sie die wichtigste. Denn, was tun Sie, wenn Sie als Solopreneur arbeiten? Wie sieht Ihr (Berufs-) Alltag aus?

Jetzt müssen Sie sich um sich selbst kümmern, selbst entscheiden, für sich selbst sorgen. Alles, was Sie tun, wird von Ihnen selbst initiiert. Sie müssen sich mit niemandem abstimmen und niemand quatscht Ihnen dazwischen.

Prokrastination entsteht da schnell und muss so gut es geht, bewältigt werden. Schnell ist es geschehen, dass Sie sich von unwichtigen Dingen ablenken lassen oder in Unwichtigem abschweifen.

Immer wieder eine große Herausforderung.

Selbst und ständig!

Ja, natürlich gibt es neben den Vorteilen auch Nachteile.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Sie können Ihren Tag so gestalten, wie es zu Ihrer Person passt. Sie können sich unabhängig bewegen und selbst entscheiden.

Die Nachteile sind ebenso offensichtlich: Nicht immer läuft das Business gut und auch dann müssen Sie mit Elan an Ihre Arbeit gehen. Niemand ist da, um Ihnen zu helfen oder mit Ihnen zu diskutieren, wenn es Schwierigkeiten gibt. Das kann ganz schön einsam sein.

„Arbeitsweise“ vieler erfolgreicher Künstler

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Was könnten Sie also als Solopreneur von den Künstlern lernen?

Ich kann als Malerin und Autorin davon berichten.

Zuallererst: Um gut zu arbeiten, muss ich ungestört sein. Das heißt nicht unbedingt, dass ich allein sein muss. Aber ich muss für einen gewissen Zeitraum ungestört sein.

Die richtige Arbeitsatmosphäre schaffen

Ich brauche auch immer eine besondere Atmosphäre, die ich mir täglich schaffe.

Dazu gehört immer eine Kanne schwarzer Tee, die ich von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz über den Tag mit mir mitschleppe.

Ein Freund wollte mir früher mal einen Samowar als Rucksack entwerfen. Schade, dass er das nie vollendet hat! 🙂

Ich brauche auch eine bestimmte Art von Hintergrundgeräusch oder Musik. Mal antreibend, mal beruhigend. Je nachdem. Oft ist es nur das Zwitschern meiner Vögel.

Das ist die Arbeitsvorbereitung und schon kann es losgehen.

Whiteboard

Wichtig für mich ist auch, einen übersichtlichen Schreibtisch und ein geordneten Computer vorzufinden. Da ich viele verschiedene Schreibtische nutze, kann es sein, dass ich alles auf dem gerade nicht genutzten Schreibtisch hinlege. Für später. Dann muss ich erst einmal Ordnung machen, um mich neu zu orientieren.

Das gilt natürlich auch für´s Atelier.

Die Kreativität verabschiedet sich

Oft ist die Vorfreude groß und ich sehne den Tag herbei, an dem ich mir diesen Freiraum gönne.

Aber was passiert dann?

Nichts!

Meine Kreativität hat sich verabschiedet. Mein Kopf steckt noch so sehr im Alltag. Ich kann nicht abschalten oder besser, umschalten.

Nun gilt es, den Anfang zu finden. Jetzt ist niemand da, der auf mich wartet, um zu beginnen. Niemand ist sauer, wenn ich nicht anfange. Niemand wartet auf ein neues Werk.

Es ist ganz alleine mein Ding. Wie beim Solopreneur, der eine neue kreative Lösung finden will oder muss, aber nicht in die Puschen kommt.

Maler nennen es die „Panik vor der leeren Leinwand“.

Das Buch „Am kreativsten bin ich, wenn ich bügle …“ beschreibt die täglichen Routinen berühmter Künstler.

Es zeigt sich, dass alle eine gewisse Routine entwickeln, um ins Tun zu kommen.

Was hilft mir? Was sind meine Routinen?

Einfach anfangen!

Routinen helfen, wenn die Kreativität nicht auftaucht oder sich verabschiedet hat. Klick um zu Tweeten

Ich fange einfach an. Ich tue so, als ob ich nichts beabsichtige. 🙂

Das heißt aber auch: Ich lasse den Perfektionismus außen vor. Ich bin bereit, die ersten Ideen möglicherweise zu verwerfen und danach wieder neu zu beginnen.

Ich habe mir dafür einige Routinen geschaffen: Ich rühre die Farben an. Dazu nutze ich Pigmente, die ich mit Wasser auflöse und mit einem Binder zu einer Acrylfarbbrei vermische. Oder ich schneide ein paar Formen für meine Collagen aus Zeitschriften aus oder nutze vorhandene, verworfene Arbeiten als Ausgangspunkt für das neue Projekt.

Damit komme ich so langsam in die Entspannung und tue etwas. Wenn die Farben schon fertig sind, öffne ich alle Becher und rühre sie um. So nehme ich Kontakt mit ihnen auf.

Oder ich blättere in meinen gesammelten Zeitungsausschnitten, bis mir etwas Spannendes in die Hände fällt.

So langsam beginnt der kreative Prozess und fängt mich ein. Ich tauche in das Tun ein.

Das ist der Flow. Jetzt läuft es und ich vergesse die Welt um mich herum.

Genauso geht es dem Solopreneur, wenn ihm die Aufgabe, die er zu erledigen hat, gut von der Hand geht. Wenn die Ausgangsidee geboren ist und ausgearbeitet werden kann, dann geht es voran.

Nach einer oder mehreren Stunden bin ich erschöpft und brauche eine Pause.

Das heißt, ich gehe aus dem Atelier. Vielleicht schleppe ich das Bild vielleicht auch noch aus diesem Raum, um es zu „beobachten“, ehe ich mich wieder dranmache.

Und wann bin ich fertig?

Entscheidungen treffen als Solopreneur

Auch beim Abschluss einer Arbeit ist Selbstführung gefragt. Wann ist eine Arbeit fertig? Wann ist der Solopreneur damit zufrieden? Welche Maßstäbe gelten dafür?

Auch dieser Schritt ist in der Malerei spannend: Die Entscheidung zu treffen, dass ein Bild fertig ist, hat mich schon Jahre gekostet. 🙂 Schließlich war nur noch ein Strich notwendig und die Arbeit war fertig. Aber es kann auch in einem Rutsch fertig sein und wenig Mühe machen.

Niemand kann mir dabei helfen. Das muss ich alleine tun.

Und das tut der Solopreneur auch: Er entscheidet auch allein, wann seine Arbeit fertig ist.

Am besten geht es natürlich, wenn der Druck von außen kommt. Das kann ein Abgabetermin sein oder ein neuer Auftrag. Es für fertig zu erklären, ist sonst ein schwieriger Prozess, vor allem bei Perfektionisten. 🙂

Solopreneure müssen ihren Perfektionismus zügeln.

Solopreneure müssen ihren Perfektionismus zügeln. Klick um zu Tweeten

Viele Solopreneure erzählen mir, dass sie immer wieder Kleinigkeiten verändern, bis sie völlig zufrieden sind. Damit verplempern sie oft viel Arbeitszeit und auch Energie.

Ihr könnt Menschen nie auf Dauer helfen,
wenn ihr für sie tut, was sie selber für sich tun sollten und können.
Abraham Lincoln.

Fazit

Führung hat 3 Säulen: Selbstführung, Führung von anderen und Sich führen lassen. Der Vergleich mit alleine schaffenden Künstlern zeigt, was Solopreneure von Ihnen über Führung lernen können.

Um erfolgreich zu sein, müssen sich beide Gruppen mit ihrer eigenen Selbstführung auseinandersetzen.

Insbesondere das Anfangen und Aufhören sind schwierige Phasen. Da sind für den Solopreneur und den Künstler Routinen wichtig.

Sie können ihnen helfen, in den Flow, in den Schaffensprozess zu kommen.

Welche Routinen habe Sie, um Ihrer Kreativität  auf die Sprünge zu helfen? Wie sehen diese aus?

Über Ihr Feedback würde ich mich sehr freuen.

 

About Annette Kunow

Portrait Annette Kunow

Mein Name ist Annette Kunow und ich bin Hochschullehrerin, Künstlerin und Business Coach.

Seit 30 Jahren mache ich nun diesen „Trigat“ zwischen Hochschule, Unternehmen und Kunst. Ich schaffe es immer wieder, die Synergien zwischen diesen drei Standbeinen herzustellen.

Nur so funktioniert es: Durch die Tätigkeit in meinem Unternehmen KISP bereichere ich den Unterricht an der Hochschule in der Technischen Mechanik und im Projektmanagement mit Beispielen aus der Praxis.

In der Kunst kann ich dann meine andere Seite leben. Meine Bilder stelle ich mittlerweile weltweit aus.

Ich kann das alles gut integrieren und möchte keine dieser Seiten missen.

Mit meiner „Produktivität und Selbstführung“ Community habe ich eine Gruppe für Solopreneure geschaffen, die ihre Produktivität erhöhen und ihre Selbstführng entwickeln wollen? Interessant für Sie?
https://www.facebook.com/groups/1549304758441242/

Sie sind herzlich eingeladen!

1Comment
  • Christine Radomsky
    Posted at 19:23h, 15 Oktober Antworten

    Guten Abend Frau Kunow,
    Ihren Balanceakt zwischen Hochschule, Coaching und Kunst finde ich beeindruckend. Respekt! Ich stelle mir vor, dass Ihnen diese so verschiedenen Perspektiven immer wieder Ideen liefern, die sich gegenseitig befruchten.
    Als Physikerin, IT-Ingenieurin und Coach kenne ich aus eigenem Erleben, wie produktiv eine Symbiose von Hard Facts, kritischem Denken, Soft Skills, Intuition und Fantasie sein kann. Übrigens ist auch mein Schwerpunktthema als Coach Selbstführung – angewandt auf berufliche Umbrüche lebenserfahrener Führungskräfte und Fachexperten aus der Industrie.
    Ihr Buch klingt interessant und kommt auf meine Leseliste.
    „Solopreneure müssen ihren Perfektionismus zügeln“ kann ich unterschreiben.
    Viele Grüße
    Christine Radomsky
    Christine Radomsky

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